Von Gerd Klee
Thomas Kunst bei den Literaturtagen in der Villa Clementine
Lyrik hat es schwer. Doch dass sie es so schwer hat, hätten wohl auch das veranstaltende Kulturamt und der Gastgeber der Wiesbadener Literaturtage nicht gedacht: Der Auftritt von Thomas Kunst fand fast gänzlich ohne zahlendes Publikum statt. Der Autor nahm es - wenigstens äußerlich - mit Souveränität, trug aus seinem Gedichtband "Was wäre ich am Fenster ohne Wale" und aus seinem Roman "Sonntage ohne Unterschrift" vor, gleichermaßen sprachlich überzeugende wie emotional beeindruckende Texte, vor allem zu den Themen Frauen und Liebe. Und immer wieder auch zum Thema "Gedichte machen", das er auch in einem bisher unveröffentlichten Roman und ebenfalls noch nicht publizierten Sonetten aufgreift. Bei aller Sprach- und Bildgewalt ist der Zuhörer jedoch immer wieder - zumindest ein wenig - irritiert von der Selbsteinschätzung des Autors, die er in seinen Texten wie im Gespräch mit Gastgeber Feridun Zaimoglu, der ihn dabei eifrig unterstützt, zu Markte trägt: Von dichtenden Kollegen deutscher Zunge hält er so gut wie gar nichts und straft sie pauschal verbal ab, der kürzlich verstorbene Wolfgang Hilbig ist ihm Genie schlechthin, warum er selbst erst zwei der jährlich 700 in diesem Lande verliehene Lyrik-Preise gewonnen hat, ist ihm ein Rätsel. Irgendwie sympathisch dennoch, dass sich Kunst von seiner Passion und Profession nicht abbringen lässt; dass er dafür den Preis der Einsamkeit zu zahlen bereit ist, ebenfalls: So lebt er denn seit zwei Jahren als Poet ohne Verlag und an diesem Abend auch noch als einer fast ohne Zuhörer.

