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Lokale Kultur 

Zwei Schwestern

15.05.2010 - WIESBADEN

Von Marianne Kreikenbom

KAMMERSPIELE Premiere an diesem Samstag
mit "Wetterleuchten" von Daniel Call

"Wetterleuchten" heißt das neue Stück in den Kammerspielen Wiesbaden, das am heutigen Samstag Premiere hat. Es ist das bislang erfolgreichste Stück des 1967 in Aachen geborenen Theaterautors Daniel Call. Irgendwo in ländlicher Einsamkeit leben die ältlichen Schwestern Kitty und Hanny Lack und betreiben eine Gaststätte ohne Gäste. Gewissenhaft, aber sinnlos schreibt Kitty (Andrea M. Dewel) das Tagesangebot auf die Tafel: "Fleisch mit was und ohne was". Doch an diesem Tag der Tage gibt es weder das eine noch das andere, denn Hannys Auto stirbt nach 40 Jahren auf dem Weg zum Einkauf gewissermaßen unter ihren Händen.

Der Wagen springe nicht mehr an, sagt sie. "Der Wagen springt nicht, er fährt", entgegnet Kitty. Diese einfache Weisheit wird die nach Hannys Aussage völlig verrückte Kitty noch oft wiederholen - in absichtsvoller Absichtslosigkeit und ähnlich den Protagonisten aus dem absurden Theater eines Samuel Beckett. Jedes Mal wird Hanny (Valérie Lecarte) der Geduldsfaden reißen.

Hanny bleibt nicht die einzige mit einem kaputten Auto. Mit lautem "Hallo" platzt die redselige und trinkfeste Geschäftsfrau Molly Probst (Nina Hecklau) in Kittys Schweigsamkeit und Hannys schiere Verzweiflung. Ihr Wagen sei liegen geblieben und ein Unwetter im Anmarsch, ob sie telefonieren könne? Selbstverständlich funktioniert das Telefon nicht. Ein Wagen liege nicht, sondern fahre, gibt Kitty ihr Bescheid.

Die fortan munter drauflos plaudernde Molly bringt Leben in die bis dato öde Bude der Schwestern. Deren Grundproblem ist eine ewig währende Eifersucht um die Gunst des längst verstorbenen Vaters. Obwohl Hanny die schönere und klügere von beiden gewesen sei, habe der Vater nicht sie, sondern Kitty mehr geliebt, frohlockt die eine. Die verrückte Kitty habe den toten Vater jeden Morgen ans Fenster gesetzt und ihn jeden Abend wieder ins Bett gelegt, bis er eine völlig vertrocknete Leiche gewesen sei, die Hanny unter einem Baum im Garten vergraben habe, berichtet die andere.

Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho" lässt ebenso freundlich aus der Ferne grüßen wie der Bauernschwank "Kohlhiesels Töchter". Die Ähnlichkeit mit Becketts absurdem Theater ist nicht zufällig. "Wetterleuchten" ist ein Stück ohne Handlung, dafür mit pointierten Dialogen von Akteuren, die weniger Charaktere als vielmehr Typen sind. Gerade deshalb steht und fällt es mit seinen Darstellern. Andrea M. Dewell, Valérie Lecarte und Nina Heckau meistern die schwierige Aufgabe mit Bravour. Satz für Satz steigern sie sich bis zum Finale. Sie habe ein Stück mit Frauen in den Hauptrollen gesucht und diese Rollen absichtlich mit jungen Frauen besetzt, erzählt Regisseurin Christiane Schneider. "Wetterleuchten" sei gleichermaßen Komödie und Tragödie. "Mir war es besonders wichtig, die hauchdünne Grenze zwischen beiden deutlich zu machen und auf das Dunkle und Unheimliche der Geschichte hinzuweisen."

Die beiden Schwestern in ihrer Wirtschaft und ihr Gast: Andrea M. Dewel, Valérie Lecarte und Nina Hecklau.Foto: wita/Uwe StotzVergrößern

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