Blick hinter die Fassade
10.04.2010 - WIESBADEN
Von Anne Winkel
FREIE BÜHNE Schnitzlers "Reigen" in den Kammerspielen Wiesbaden
Ob anständige Geliebte, eheliche Liebschaften oder das lieber zu löschende Licht - die Liebe nimmt in Arthur Schnitzlers "Reigen" viel Raum ein. Ihre romantische Erfüllung jedoch bleibt aus. Das Stück ist jetzt unter der Regie von Boris C. Motzki auf der Bühne der Wiesbadener Kammerspiele zu sehen.
Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts: In der Öffentlichkeit herrschen Sittsamkeit und Ordnung. Privat dagegen regieren Dekadenz und Lust. Gefangen zwischen Moral und Gier und getrieben von der "Heimweh nach der Tugend" gibt der "Reigen" den Blick frei auf das, was hinter der moralischen Fassade passiert.
Mit wandelbarer Kleidung und unterschiedlichen Frisuren schlüpfen bei den Kammerspielen zwei Schauspieler in zehn Charaktere. Valérie Lecarte und Jürgen Hellmann treffen unter anderem als Dirne und Soldat, als süßes Mädel und Ehemann sowie als Graf und Schauspielerin aufeinander. Sie agieren mal gespielt verspielt, mal verlogen sittsam und mal überheblich stolz.
Alle Dialoge drehen sich rund um Macht, Lust und Tugend. Jedes Gespräch gipfelt im sexuellen Akt. Dieser wird im Gegensatz zu Schnitzlers Vorlage nicht durch ein einfaches Schweigen ersichtlich, sondern er wird durch eine recht laute Ersatzhandlung mit wiederkehrender Musikeinblendung dargestellt. "Oh und Ah" ist hier zu hören; die Darsteller hüpfen im bläulichen Flackerlicht wild über die Bühne oder schlagen als gelangweiltes Ehepaar die Beine synchron übereinander.
Die Idee der Ersatzhandlung ist gut - die Umsetzung allerdings ist manchmal schlicht zu viel des Guten. So drohen vor allem ein im männlichen Schritt geschwungener Besen sowie der gewollte Versprecher vom "Busen" statt der österreichisch gesprochenen "Blusen" den Reigen zur Posse zu degradieren. In Schnitzlers Original kommt der Versprecher nicht vor. Dort reicht das anzügliche Vordringen des jungen Herrn Alfred zur Bluse des Stubenmädchens Marie.
Gelungen wiederum sind die unterschiedlichen Lichtsituationen auf der Bühne (Ausstattung: Carolin Hanf), die ein Wechsel zwischen greller Taschenlampe, billigem "Open"-Schild und Kühlschranklicht möglich machen. Gleich zu Beginn hat Valérie Lecarte im Halbschatten einer schummrigen Tischleuchte die volle Aufmerksamkeit des Publikums.
Die Lichtinszenierung in den Kammerspielen wirft auf Schnitzlers Reigen auch im wörtlichen Sinn jenes eigentümliche Licht auf die Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts, das der Autor - wenngleich er sein Stück nie für literarisch bedeutend hielt - für eine hundert Jahre später erfolgende Rezeption vorausgesagt hatte.
Die Inszenierung von Schnitzlers Reigen in den Kammerspielen (Dramaturgie: Christian Mayer) überzeugt auf der darstellerischen Ebene mit klarer Intonation, süffisantem Gebaren und der gelegentlich durchleuchtenden Sehnsucht nach einer echten Liebe.

