Von Viola Bolduan
RMF Corinna Harfouch und die "Nachtigall"
johannisberg. Er war vielleicht nicht der berühmteste Kastrat seiner Zeit - Filippo Balatri aber hat seine Vita aufgeschrieben, auf rund 5 000 Seiten notiert, was ihm in seinem sowohl illustren, wie auch reduzierten Leben widerfahren war und wohin es ihn im 17./18, Jahrhundert verschlagen hatte. 2001 fasst Christine Wunnicke diese Aufzeichnungen in der Biografie "Die Nachtigall des Zaren" zusammen - eine aparte Vorlage für die literarisch-musikalische Veranstaltung zum Auftakt des Rheingau-Musik-Festivals in Schloss Johannisberg.
Corinna Harfouch trägt ein langes, schwarzes, ausschnitttiefes Kleid, Britta Schwarz erscheint im Hosenanzug, Lautenspieler Stefan Maass unauffällig. Die beiden Damen, die Schauspielerin als Rezitatorin und die Sängerin als illustrierende Altstimme sind für ihr Rollenspiel ausgestattet und aufeinander eingestimmt. Es wird einen Dialog zwischen Erzähl- und Singstimme geben, Miniatur-Szenen inklusive. Höhepunkt: Harfouch lässt zur Courante ihre Schuhe tanzen und bleibt auf ihrem Podest mit bloßen Füßen sitzen.
Ihren Text bietet sie im Schnelldurchgang an, bleibt souverän beim Verhaspeln und hält immerzu einen feinen Regiefaden in der Hand. Die Altstimme von Partnerin Britta Schwarz liegt tiefer als Balatris Männer-Sopran geklungen haben muss - gleichwohl gibt sie einfühlsam geschmeidig Zeugnis aus einer liedkompositorischer Zeit, als Frauen auf der Bühne nicht erwünscht waren.
Programm-Facetten
Die Memoiren des Kastraten verquicken Biografie, Zeitkolorit und Musikhistorie. Diese Facetten spiegelt die Programmstruktur geschickt in Chronologie, Dialog der Stimmen und eindrucksvollem Ringschluss wider. Die achtsaitige Theorbe des Barockspezialisten Stefan Maass bietet als das zeitentsprechende Begleitinstrument sicheren Boden.
Filippo Balatris eigener lebhafter Erzählton war bei der Schauspielerin gut aufgehoben. In flottem Tempo ging es für den Kastraten von der Geburtsstadt Pisa ins Florenz des späten 17. Jahrhunderts, von dort als Personen-Gabe für Zar Peter nach Moskau, später über Frankreich nach England und schließlich Deutschland. So sehr dessen nachtigallenheller Gesang auch Anklang fand, Verliebtheit verstört den jungen Mann, und vor späteren Depressionen rettet das Kloster. Für Kastraten-Glamour wurde am Anfang und am Ende ein hoher Preis gezahlt.

