Sprache im Prozess
08.09.2010 - WIESBADEN
Von Viola Bolduan
GFDS-GESCHÄFTSFÜHRUNG Karin Eichhoff-Cyrus scheidet im Oktober aus / Ein Rückblick
„Drei Computer und ein nicht funktionierender Bildschirm.“ Das war die Ausstattung der Geschäftsräume der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) an der Taunusstraße, als auf den Tag genau vor 17 Jahren Karin Eichhoff-Cyrus ihr Amt als Geschäftsführerin aufnahm. Heute ist das Büro an der Spiegelgasse voll funktionstüchtig auf der Höhe der Zeit. Die Arbeitsräume liegen auf einer Ebene, und natürlich gibt es neben den PCs dort auch Bücherwände. Karin Eichhoff-Cyrus wird das Instrumentarium dort aber nur noch diesen Monat lang nutzen. „Ich hatte früh schon eine Lebensplanung bis 60“, danach sollte etwas ganz anderes unternommen werden. Jetzt ist die promovierte Sprachwissenschaftlerin doch noch ein Jahr länger geblieben. Von Oktober 2010 aber gibt sie ihr Amt an eine Nachfolgerin weiter.
Projekt „Rechtssprache“
Dass sie sich 1993 für die GfdS-Geschäftsführung entschieden hatte, war nicht selbstverständlich. Die Linguistin hätte sich habilitieren, oder auch ihre Studiumspraktika im ZDF, Hörfunk und Redaktionen beruflich fortsetzen können. Als frühes Mitglied der GfdS und Vertreterin ihres Uni-Professors in der Zweigleitung Frankfurt erfuhr sie von der damaligen Vakanz der Wiesbadener Stelle, bewarb sich („am letzten Tag“) und wurde trotz männlicher Konkurrenz akzeptiert. „Ich war die erste Frau auf diesem Posten.“ Und hat entsprechend Aufmerksamkeit auf geschlechtsspezifische Sprache - ihr Thema seit dem Studium - wirksam in die Öffentlichkeit hineingetragen. Öffentliche Texte nennen inzwischen beide, Männer wie Frauen: „Frauen kommen heute in der Sprache vor - gottseidank“. Darüber hinaus hat sich aus dem GfdS-Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag das Projekt „Rechtssprache“ entwickelt, das zu größerer Klarheit und Verständlichkeit der juristischen Formulierungen beiträgt. Das Ziel „Klartext“ will auch die Kooperation mit der Wiesbadener Stadtverwaltung für die kommunale Verwaltungssprache erreichen.„Sprachberatung in ihrer ganzen Breite“, nennt es Eichhoff-Cyrus im Gespräch, als ob solcherart Initiativen selbstverständlich seien.
Und was im Rückblick auf 17 Jahre Amtszeit wäre es nicht? Dass die Mitgliederzahl der GfdS deutlich gestiegen, die Zahl der Zweigvereine von zu Beginn 23 heute die 100 erreicht hat. Das setzt großes Engagement und nicht nachlassende Präsenz voraus. „Sprache fördern, wo sie gesprochen wird“, hatte sie sich vorgenommen. Die Bilanz gibt ihrem Wollen recht. Zweigvereine verteilen sich heute über vier Kontinente, zwischen Sibirien und Lateinamerika kennt sie die Vorsitzenden meist persönlich - schließlich war sie es, die sie angeworben hat.
Die internationalen Zweige bilden eine Brücke zwischen Bevölkerung und Universitäten des Landes. Wie die gesamte Spracharbeit der GfdS auf wissenschaftlicher Basis beruht - dann aber in die Öffentlichkeit hineinwirken will. Mit Aktionen wie etwa „Wort des Jahres“ oder die Verleihung des Medienpreises für Sprachkultur. Karin Eichhoff-Cyrus hat die Medienpräsenz der GfdS-Aktivitäten zweifellos angekurbelt. Sie begrüßt die Wechselwirkung sehr - denn: „So beschäftigen sich alle mit Sprache“.
Wandlungsfähigkeit
Und damit mit Sprache in ihrer Wandlungsfähigkeit. „Sie wird sich auf jeden Fall weiter verändern“, sagt die Geschäftsführerin. Und sie selbst - ohne die Funktion? Eichhoff-Cyrus wird ihre Professorinnen-Tätigkeit weiter ausüben, und endlich mehr Zeit haben, sich um ihr Haus in Bad Kreuznach aus dem 14. Jahrhundert zu kümmern. Vor einigen Jahren ist sie aus Wiesbaden dorthin auch umgezogen und will sich für die Rettung alter Baukultur einsetzen. Mit dem Temperament, der Tatkraft und rhetorischen Verve, die wir kennen. Wiesbaden sei ja damit nicht aus der Welt. Und ihrer Nachfolgerin Andrea-Eva Ewels (ZDF) vertraue sie ab Oktober beruhigt die Zukunft des GfdS-Geschäftsbetriebs an.
Zur Zukunft der Sprache „entscheidet die Sprachgemeinschaft, was richtig ist.“

