Von Harald Loch
DEUTSCHER BUCHPREIS Kathrin Schmidts autobiografisches "Du stirbst nicht"
Der Titel deutet den Ernst und die Hoffnung an, von dem der Roman von Kathrin Schmidt handelt, für den sie gestern Abend den Deutschen Buchpreis erhalten hat: Helene Wesendahl hat einen Hirnschlag erlitten und wird sich allmählich und schmerzhaft des Verlustes ihres Sprachvermögens, der Kontrolle über ihren Körper, ihrer Erinnerung bewusst. Es ist kein Geheimnis, dass das Buch der 1958 im thüringischen Gotha geborenen Autorin stark autobiografische Züge trägt. Es bekommt dadurch eine geradezu dramatische Authentizität.
Ähnlich wie das Bewusstsein in kleinen Quanten wiederkehrt, enthüllt die Autorin das, was sich in Helenes Kopf langsam wieder sortiert, in literarisch gerechtfertigten, klein dosierten Portionen. Die Autorin entwickelt das Leben wie ein Pendel: Es schwingt - und das ist die Anstrengung der langsam Genesenden - zurück in eine zunächst unbekannt bleibende Vergangenheit. Und es schlägt in eine unklare, sich allmählich mit Perspektive füllende Zukunft aus.
Die Mitte der Erzählung ist eine Gegenwart, die im Krankenhaus mit Ärzten und Pflegepersonal, mit dem Besuch vor allem des Ehemannes, mit wechselnd distanzierten Beobachtungen der umfangreichen Maßnahmen zur körperlichen Rehabilitation gefüllt ist. Helene wird nicht wieder völlig gesund, aber aus dem Krankenhaus entlassen. Sie hat ihre Sprache wieder gewonnen - das war der schwierigste und entscheidende Genesungsschritt.
Eine schwerkranke, für diesen Schlag viel zu junge Frau entdeckt sich selbst wieder und erlangt eine autonome Lebensfähigkeit wieder. Wir nehmen an dem Prozess teil, nehmen Anteil an dem Schicksal dieser Frau, für die die Autorin kein Mitleid einfordert. Wir erfahren die zentrale Bedeutung der Sprache für den Menschen auf eine bewegende Weise mit und schöpfen eigene Hoffnung aus dem für die Heldin wiedergewonnen Wort.
Zum Roman wird diese Geschichte nicht durch das Gewicht ihres Inhalts. Der verdrängt den sprachlichen und literarischen Gehalt des Buches nicht. Inhalt und Form gehen hier eine glückliche Verbindung ein. Der Umgang der Autorin mit der Sprache spiegelt deren Wiedergewinn in Helenes Krankengeschichte. Den stochernden Genesungsschritten entspricht ein abwechslungsreich differenzierter Stil, der sich keine Extravaganzen erlaubt, sondern aus seinem inneren Reichtum die Geschichte beglaubigt - Demut gegenüber dem Schicksal, einer gelingenden Heilung, der schrittweise wiedererlangten Hoffnung: Du stirbst nicht.

