Von Peter Müller
CALIGARI "Wasser und Seife" - eindrucksvolle Doku über Arbeiterinnen in einer Wäscherei
Das polnische Städtchen Gryfino ist weit. Gefühlte Lichtjahre entfernt. Irgendwo hinter einer Grenze, deren Schlagbaum zwar offen steht, aber immer noch einen vermeintlichen Graben zum Billiglohnland Polen beschreibt. Filmemacher Hans-Christian Schmid hat hier die sehenswerte Globalisierungs-Kritik "Die wunderbare Welt der Waschkraft" gedreht, über findige Investoren, "großartige Standortbedingungen" und die zwischen Perspektivlosigkeit und vager Hoffnung gefangenen Arbeiterinnen einer deutschen Großwäscherei. Deren kleiner Grenzverkehr zieht beste Gewinne aus dem Dreck der Berliner Luxus-Hotels, während die Wäscherinnen mit 400 Euro im Monat auskommen müssen.
Nein, im feinen Hamburg mochte man sich über diese Art von ökonomisch korrekter Ausbeutung wohl nur aufregen. Schmutzige Wäsche - weit weg, und nicht bei uns! Oder doch? Tja, der Manchester-Kapitalismus hat in der Tat auch eine hanseatische Variante, täglich sogar zu besichtigen, einen Steinwurf von den noblen Altonaer Bürgerhäusern entfernt, in einer kleinen Seitenstraße, wo die drei Damen von Utechts Wäscherei sich vor dampfenden Maschinen den Rücken krumm schuften, für 743 Euro, im Monat. Willkommen auch in der Armut West.
Verzweiflung überall
Gryfino ist, und das hat die Globalisierung wohl so an sich, längst auch in Groß-Flottbeck - wo "Die wunderbare Welt der Waschkraft" schlicht "Wasser und Seife" heißt. Statt 300 Heldinnen der Arbeit sind nur ein paar Ungelernte zugange, wo der alte Chef eher Verzweiflung denn Designeranzüge trägt, weil die Dumpinglöhne der Billigkonkurrenz den Gürtel immer enger schnallen.
Hier, im kleinen Betrieb des Stiefvaters, hat Regisseurin Susanne Gluth ihr eindrückliches Dokumentarstück gedreht - ein Film, der weder klassenkämpferisch kommentiert, noch in Betroffenheitsrhetorik wertet, sondern einfach genau hinschaut. Das ist gut so. Denn was zu sagen ist, sagen die Hauptdarstellerinnen schon auf ihre Art, mit Würde, ohne zu jammern, ohne Illusionen.
Wo sollten die auch herkommen, nach zwanzig Jahren eintöniger Alltags-Tristesse. Pünktlich Viertel vor sieben etwa steigt Monika mit ihrem betagten Terrier Bonnie morgens in den Bus, um von Wilhelmsburg auf die bessere Seite der Elbe zu fahren, Dreckwäsche zu sortieren und dann die übliche Routine abzuackern. Solange der Körper mitmacht. Nach Abzug aller Kosten bleiben ihr für die Plackerei monatlich 150 Euro, um "irgendwie über die Runden zu kommen". Willkommen in der Unterschicht, Vollzeit-beschäftigt.
Aber ein Traum bleibt
Gerti geht es nicht anders. Tanja immerhin hat wenigstens noch die Familie, ihren Mann, der als Konditor arbeitet und eine Nichte, auf der die Hoffnungen ruhen. Ihr Traum: Eine Lehrstelle bei Lidl, "da kann ich nach Griechenland gehen". Mit Lidl klappt´s dann wohl auch, ohne Lehrstelle. Griechenland muss warten.

