Von Peter Müller
Regisseurin Vanessa Gould über ihre Origami-Dokumentation "Between the folds"
"Der Großteil der Schönheit, die aus Kunst erwächst, entsteht durch das Ringen eines Künstlers mit seinem limitierten Medium" - die New Yorker Regisseurin Vanessa Gould hat dieses Matisse-Zitat einer famosen Dokumentation voran gestellt, die auf US-Festivals gleich reihenweise Auszeichnungen abgestaubt hat. Die Liste der guten Argumente für diese überragende Resonanz ist lang: "Between the folds" ist viel mehr als ein Film über den "Extremsport" Origami und seine kreativsten Protagonisten. Es ist, so Vanessa Gold, im Kern eine Reflexion über Möglichkeiten, "über das, was mit einem ungeschnittenen Bogen Papier machbar ist, über das Potenzial einer kühnen wissenschaftlichen Idee und die Möglichkeit, die Dinge unterschiedlich zu sehen". Die zehn Hauptdarsteller ihres sensationellen Filmstückes - Papierforscher und -künstler, die diese Grenzen eines vermeintlich schlichten Materials auf jeweils ganz originäre Art ergründen und den magischen Prozess, aus zwei Dimensionen drei zu formen, auf ganz individuelle Art interpretieren - hat sie in Japan, Frankreich, USA oder Israel gefunden. Sie heißen Vincent Floderer, Tom Hull, Robert Lang, Miti Golan oder Satoshi Kamiya, und ihre Kunst ist eine ebenso atemberaubende wie vergängliche. Und sie steht auf fragilen Füßen.
Als ihr Ur-Vater gilt immer noch ein Papierfalter, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde und als Erfinder des sogenannten Modernen Origami aus der traditionellen eine freiere, kreative Kunstfertigkeit entwickelte, die sich nicht mehr von der Geometrie bändigen ließ: der Japaner Akira Yoshizawa (1991-2005), den "Between the folds" in Archivaufnahmen zeigt, hauchte seinen papiernen Modellen Leben ein, gab ihnen Charaktere und legte ihre Seele offen - seine Philosophie infizierte in den späten Fünfzigern sofort auch die gesamte westliche Welt.
Heute ist die globale Origami-Szene längst ein Universum der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, im dem Ästhetik auf Mathematik und Geometrie, Tradition auf Moderne und computergestützte Diagramme, Realismus auf Expressionismus und Post-Moderne trifft. Vincent Floderers bis ins winzigste Detail ausgefaltete Fantasie-Figuren, Robert Langs anatomisch korrekte Insekten, Paul Jackson minimalistisch-abstrakte "Skulpturen" hier, mystische, in mehreren hundert Stunden Faltarbeit modellierte Drachen dort oder die verblüffenden Muster/Modelle des "Choreopgrafen" Chris Palmer, die Gestalt und Aussehen nach wenigen Fingergriffen vollkommen verändern - die Begegnung mit diesen "special ones" einer immer wieder unglaublichen Kreativarbeit hat nicht nur das gesamte Filmteam begeistert und inspiriert, für Regisseurin Vanessa Gould wurde das Projekt auch zu einer Art Selbstfindung.
Nach einem abenteuerlichen Studien-Mix in Columbia und New England, der Architektur, Astrophysik, Design und Musik versammelte, entpuppte sich die Arbeit an ihrer Dokumentation mehr und mehr als Königsweg auf ihrem persönlichen Weg, der Technik, Wissenschaft und ihr "künstlerisches Herz" doch noch an einer Kreuzung zusammen brachte. Auf wunderbare Weise. "Between the folds", der bei den von der Wiesbadener Agentur "Q" um Thilo von Dobschütz organisierten "Designtagen" heute im Walhalla seine - leider bereits ausverkaufte - Europapremiere feiert, ist grandioses Dokumentarkino, das von Inspirationen und Visionen in einer faszinierenden Welt erzählt.

