Frankfurter Schirn zeigt „Edvard Munch - Der moderne Blick“
09.02.2012 - FRANKFURT
Von Jens Frederiksen
Ein Blick in den ersten Raum - und der Kunstgenießer ist gefangen. Gleich vorn links die „Mädchen auf der Brücke“ und daneben, davor, dahinter der „Vampir“, der „Kuss“, die „Einsamen“ am Strand. Die Edvard-Munch-Ausstellung in der Frankfurter Schirn, mit dem Besten und Allerbesten insbesondere aus dem Munch-Museum in Oslo bestückt, beginnt in Koje eins mit nicht weniger als zehn Klassikern: fünf unverwechselbaren Munch-Motiven, jedes davon in zwei handverlesen schönen Versionen präsentiert. Wenn das kein würdiger Aufgalopp ist!
Ein Paukenschlag zum Beginn
Es ist ein so repräsentativer Einstieg in eine so wohldurchdachte Schau, dass sich gestern Abend zur Eröffnung keine Geringere als die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit in Frankfurt die Ehre gab. Der düstere Edvard Munch und das strahlende norwegische Königshaus - derlei geht längst wie selbstverständlich zusammen. Und Schirn-Chef Max Hollein war‘s doppelt zufrieden - weil er neben seinen überbordenden Städel-Aktivitäten (Claude Lorrain, Städel-Anbau) auch seinem zweiten Verantwortungsbereich Schirn eine Attraktion erster Güte bescheren konnte ... und weil diese Attraktion durch den Besuch Mette-Marits natürlich im doppelten Wortsinn geadelt wurde.
Bleiben wir noch einen Moment im Eröffnungsraum. Den „Mädchen auf der Brücke“ blickt dort von der anderen Stirnwand eine 25 Jahre später entstandene, mit etwas lässigerem Pinselstrich auf die Leinwand gewischte Fassung entgegen. Personengruppe, Brücke, Bäume - alles wirkt jetzt wie mit der Schablone ins Bild gedrückt. Munch reproduziert, was das Publikum sich wünscht. „Wiederholungen“ ist dieser Teil der Ausstellung denn auch überschrieben.
Größer sind die Unterschiede bei den beiden „Kuss“-Versionen, auch bei denen des „Vampirs“: Die Frühfassungen aus den 1890er Jahren sind noch in Akademie-Braun gehalten, während sich später die Palette deutlich aufhellt. Und: Die Gesamtwirkung ist nun beiläufiger, skizzenhafter. Das gilt auch für die beiden „Einsamen“: ein prachtvoll aus fein gestrichelter Farbtextur herausmodelliertes Paar in der Fassung von 1905, ein schemenhaft in die wild bewegte Strand-Wüstenei gestelltes Menschen-Duo in der von 1935. Künstlerische Entwicklung? Vielleicht. Möglicherweise aber auch nur Überdruss am vielfach bearbeiteten Motiv.
Munchs „moderner Blick“
Die Schirn-Ausstellung will allerdings keine Retrospektive sein. Schon der Untertitel „Der moderne Blick“ deutet an, dass auf etwas Besonderes aufmerksam gemacht werden soll: auf den technisch aufgeschlossenen, Film und Fotografie nutzenden und verarbeitenden Künstler. Von den 140 Arbeiten Munchs in Frankfurt sind zwar 60 Gemälde - aber es gibt auch ein großes Konvolut von Munch-Fotografien (vornehmlich Selbstporträts), außerdem Aquarelle, Zeichnungen. Und in einer Koje laufen sogar fünf Minuten Film - Straßenszenen, vom Künstler in den 20er Jahren mit unruhiger Hand selbst gedreht.
Wichtiger als diese Begleitmaterialien jedoch sind deren Rückwirkungen auf das malerische Werk. Die Abteilung „Der optische Raum“ zeigt auf, wie zeitgenössische Filmaufnahmen Munch dazu brachten, seinen Bildern räumliche Tiefe zu geben und Akteure, Landschaftsteile, auch mal ein Pferd bedrängend nahe an den Betrachter heranzurücken. Das Kapitel „Auf der Bühne“ versammelt Bilder, die, angeregt durch die Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Max Reinhardt in Berlin 1907, zur Darstellung seelischer Nöte dramatisch ausgeleuchtete Räume nutzen. Munchs Interesse an Tagespolitik, auch an zeitungsnotorischen Aktualitäten dokumentiert sich - Kennung „Die Außenwelt“ - im Bild eines brennenden Gutshofs hier, eines Arbeiteraufmarsches dort. Zehn Abteilungen insgesamt - und die Materialfülle ist enorm.
Allerdings: Je länger der Rundgang dauert, desto unspektakulärer werden die Exponate. Doch die Euphorie des Beginns trägt den Besucher mühelos durch alles Übrige - und lässt ihn auch dort noch das eine oder andere Kleinod entdecken.

