Von Jutta SchwiddessenRÜDESHEIM - „So was gehört nicht auf einen christlichen Weihnachtsmarkt!“, empört sich eine Eltvillerin über den kleinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Im Rüdesheimer Rathaus häufen sich die Beschwerden und Peter Rehwald, seit über 20 Jahren Veranstalter des „Weihnachtsmarktes der Nationen“, muss sich von Marktbesuchern „die schlimmsten Beschimpfungen anhören“, weil er den Stand aufgenommen hat. Es geht um den eher etwas abseits platzierten Islam-Infostand der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde, an dem sich die Geister scheiden.
Die Empörung hat sich inzwischen so hochgeschaukelt, dass Rüdesheims Bürgermeister Volker Mosler (CDU) „auch nach Rücksprache mit der Polizei ein Sicherheitsrisiko für den Weihnachtsmarkt“ befürchtet und Markt-Juniorchef Erik Rehwald gestern zu einem Gespräch ins Rathaus bat. Mit dem Ziel, die Ahmadiyya-Gemeinde zu überzeugen, dass sie ihren Stand freiwillig abbaut. Auch wenn man vielleicht der Ansicht sei, dass ein Stand, „bei dem es offenbar um Koranauslegung geht“, nicht auf einen Weihnachtsmarkt gehöre, gebe es rein rechtlich keinen Anlass, dagegen einzuschreiten, sagt Mosler, dem das Dilemma, in dem er sich befindet, ganz und gar nicht behagt. „Wegen des Gefahrenpotenzials aufgrund der heftigen öffentlichen Reaktionen“ würde er sich aber einen freiwilligen Rückzug des Infostandes wünschen.
„Höchst erstaunt über so viel Intoleranz“
Für Erik Rehwald kommt das gar nicht in Frage: „Wo soll so was denn noch hinführen?“ Der Stand, der nicht nur über den Islam informiere, „sondern auch die Nation Pakistan auf dem Markt repräsentiert“, gehöre genau dorthin. Wie Vater Peter Rehwald ist er „höchst erstaunt über dieses Maß an Intoleranz“, das die Stand-Kritiker zeigten.
Die Rüdesheimer Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde, sagt Seniorchef Rehwald, „leben teilweise seit 30 Jahren hier im Ort“. Er habe sich auch in Wiesbaden über die Organisation, die übrigens an jedem Neujahrsmorgen den Silvestermüll von den Geisenheimer, Rüdesheimer und Eltviller Straßen fegt, kundig gemacht und nichts Negatives erfahren. „Ich sehe keinen Grund, warum dieser Stand nicht auf dem Weihnachtsmarkt sein sollte.“
Die Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde im Rheingau seien in diesem Jahr erstmals mit der Standidee auf ihn zugekommen, „weil sie nach ihren Worten gerade in diesen unruhigen Zeiten zeigen wollten, dass sie Rüdesheimer sind und dazu gehören. Und auch, um über ihre Religion zu informieren“. Allerdings nur diejenigen, die das auch wollen, sagt Rehwald. Daran habe sich die Standbesetzung bisher stets gehalten. Niemand werde auf dem Markt belästigt oder missioniert.
Rüdesheim lebt von Touristen aller Religionen
Ein „Weihnachtsmarkt der Nationen“, sagt Rehwald, müsse so viel Weltoffenheit besitzen, auch Vertreter anderer Religionen zu akzeptieren. Die Stadt Rüdesheim lebe schließlich auch von den Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, die hier als Touristen herkommen.
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