Rindersattel und Räuberteller
31.08.2010 - KIEDRICH
Von Marianne Kreikenbom
GASTHAUS „ZUM ENGEL“ Bodenständige Küche jahreszeitlich inspiriert
Das Gasthaus „Zum Engel“ ist vermutlich Kiedrichs ältester Gasthof. Darauf lasse seine Lage am Markt, dem Mittelpunkt der historischen Altstadt, schließen, heißt es auf einer Tafel am Haus. In Georg Dehios „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler“ von 2008 findet sich für das Haus in der Marktstraße Nummer 29 eine eher nüchterne Beschreibung im Telegrammstil:„1681 auf mittelalterlichem Keller, Fachwerkobergeschoss, Fensterstellung 18. Jahrhundert, zum Markt fünfseitiger Erker mit Haube.“
Eine haushohe Kastanie in voller Blätterpracht versperrt den freien Blick auf das hübsche Erkerchen im Obergeschoss ein wenig, spendet dafür aber an sonnigen Sommertagen tüchtig Schatten. Die Jahreszahl 1681 kann man im Original an den Türpfosten lesen.
Eine Ersterwähnung des Hauses soll es bereits aus dem Jahr 1621 geben, berichtet Michael Georg. Gemeinsam mit Ehefrau Marion übernahm er vor zwei Jahren als Pächter das Lokal. „Wir hatten schon mal einen ‚Engel’, erzählt Marion Georg und meint das Gasthaus „Zum Engel“ in Erbenheim. Marion und Michael Georg sind gebürtige Wiesbadener. Damals in Erbenheim habe sie gelernt, wie man Bier zapft, erinnert sich die ehemalige Einzelhandelskauffrau. Aus Liebe zu ihrem Mann wechselte sie zur Gastronomie und eignete sich an, was man dafür so braucht. Michael Georg begann 1976 nach dem Realschulabschluss seine Kochausbildung im „Hotel Rose“, dem früher ersten Haus am Platze und inzwischen Hessische Staatskanzlei.
Man komme als Koch und Gastronom viel herum, erklärt er. „In unserem Beruf bedeutet Wechsel eine ständige Weiterbildung, denn überall lernt man etwas Neues dazu.“ Auch ein kleines Hotel im Schwarzwald haben Marion und Michael Georg eine Zeitlang geführt. Aber das lag so einsam, dass es Marion Georg eines Tages nicht mehr aushielt. „Jetzt sind wir froh, wieder in der heimatlichen Region zu sein.“ Dass Käsespätzle (9,50 Euro) und Champignonspätzle (11,20 Euro) auf der „Engel“-Speisekarte ihren Platz gefunden haben, dürfte unter anderem dem einstigen Schwarzwald-Einsatz des Wiesbadener Ehepaares zu verdanken sein. Ins Elsässische weisen das Flammkuchenangebot und der gebackene Ziegenkäse (6,90 Euro), und auch das Badische Schneckenpfännchen mit einem Schuss Pernod (4,80 Euro) neigt unverkennbar dem Französischen zu. Bodenständig nennt Michael Georg seine Küche. Bei seinen Zutaten lege er Wert auf frische und saisonale Ware vorwiegend aus der Region. Seine Steinpilze beispielsweise liefert ihm ein privater Sammler.
Der „Engel“ ist ein Familienbetrieb. Michael Georg steht in der Küche und kocht, Marion Georg und Tochter arbeiten im Service. Der Standort ihres Kiedricher „Engels“ ist himmlisch. Bei schönem Sommerwetter sitzen die Gäste draußen auf der Terrasse und lassen sich - sagen wir mal - Michael Georgs kulinarische „Renner“ schmecken: seine mit gekochtem Schinken und würzigem Gouda gefüllten und knusprig gebackenen Schnitzel namens Engelsröllchen (13,90 Euro) oder sein Winzerpfännchen (15,50 Euro). Beide sind die kulinarischen Renner auf der Karte - sozusagen unkündbar. „Unsere Weine beziehen wir ausschließlich von dem Weingut Hans Prinz.“

